Heimatkunde

Die Hügelgräber in Köln-Dünnwald

Ich möchte wissen, was früher an dem Ort geschehen ist, an dem ich lebe.
Mich interessiert die Geschichte der Strassen und Häuser und Menschen.

Fotografierend versuche ich, den Wandel und die Vergänglichkeit festzuhalten. Bevor die Gegenwart im Strudel der stetig fortschreitenden Zeit verschwindet.

Bei der Beschäftigung mit unserem nördlichen Nachbarn, dem Kölner Stadtteil Dünnwald stieß ich bei „Wikipedia“ immer wieder auf die Sehenswürdigkeiten des Stadtteils wie zum Beispiel
– das Denkmal „Der Weiße Mönch“
– die ev. Tersteegen-Kirche
– Offermanns Hüüsje
– das Rittergut Haus Haan
– den Wildpark

– und die Hügelgräber/Grabhügel im Leuchterbruch

Die ersten Sehenswürdigkeiten kannte ich mittlerweile – nur die Hügelgräber im Leuchterbruch wollte ich noch entdecken.
Es sollen über 100 Grabhügel sein, in denen Krieger der späten Eisenzeit, der „Hallstattzeit“ (ca. 1000 – 500 v. Chr.) bestattet wurden – zur Asche verbrannt in tönernen Urnen und mit ihren Waffen und Armreifen. Und eine Legende besagt, dass ein Heidenkönig mit seinen Zauberpferden hier begraben wurde…
Diese Grabhügel wollte ich sehen und fotografieren. Ich ahnte damals nicht, dass mir viele Wochen der Suche bevorstanden.

So fuhr ich an einem schönen Sonntag im September mit dem Fahrrad, Kamera, GPS-Handy und Diktiergerät zum „Leuchterbruch“.
Ich hatte mir das vorab im Internet auf „Google Maps“ angeschaut – da gab es eine Straße mit dem Namen „Im Leuchterbruch“ und ich dachte, das sollte ja einfach sein, dort die legendären Gräber zu entdecken.
Als ich dort ankam, fand ich eine ruhige Wohnstrasse, nette Häuser mit gepflegten Vorgärten links und rechts – nur keinen Hinweis auf die Hügelgräber.
Am Ende der Strasse lag ein kleiner Park mit einem Kinderspielplatz. Sollten dort die ominösen Gräber aus der Eisenzeit sein?
Nach 2 Stunden Suche gab ich auf. Ich konnte ja schlecht die Gärten hinter den Häusern inspizieren.
Einige Anwohner begannen eh mißtrauisch zu gucken, als ich zum 3. Mal auf meinem Fahrrad an ihnen vorbei fuhr.
War wohl nix.

Am nächsten Wochenende war ich besser vorbereitet:
ich hatte viel „gegoogelt“ und systematisch das Internet nach den „Hügelgräbern in Köln-Dünnwald“ abgegrast.
Dabei war ich auf die Seiten der Familie „Condé“ gestossen, alter Dünnwalder Adel, die auf Ihren Seiten www.ahnenforschung-conde.de/duennwald.htm folgendes zitieren:
„Auf der Dünnwalder Hard liegen in einem Walde, der dem Grafen von Fürstenberg-Stammheim gehört, etwa 100 Hügelgräber.
Die Hügel sind 1/2-3 m hoch. Bereits 1872 wurden durch Professor Schaafhausen in Bonn acht Hügelgräber aufgedeckt, 1893 deckte Direktor Rademacher in Köln elf Grabhügel auf, und der Eigentümer ließ außerdem noch vierzehn Gräber öffnen. In der Mitte des Hügels stand jedesmal in einer Brandschrift die Urne, die mit Knochenresten gefüllt war.
Bisweilen fanden sich neben den Urnen kleine sog. Tränentöpfchen. Beigaben aus Metall kamen selten vor, es waren meist Reste einfacher, aus Bronzedraht gewundener Armringe, in einem Falle auch eine eiserne Lanzenspitze“

Also auf in den Wald! Mit der neuen Beschreibung suche ich jetzt nördlich der Odenthaler Straße – im Dünnwalder Wald, fahre kreuz und quer mit dem Rad über holprige Waldwege, an Spaziergängern vorbei, weiche Hunden und Pferden aus und gelange bis fast nach Leverkusen.
Keine Hügelgräber. Dann fahre ich nach Osten, über glatte Wurzeln und menschenleere Trampelpfade von Seelsheide die Odenthaler Strasse wieder runter nach Köln – und sehe hinter ein paar Bäumen mehrere Hügel aus Steinen.
Das ist ja einfach! Als ich näher rangehe, merke ich, dass es aufgeschüttetes Material für den Strassenbau ist.
Kopfsteine, Kies, Sand wie auf einem Bauhof. Nichts Eisenzeitliches.

Und ich lerne dazu: Wurzeln umgefallener Bäume sehen so aus, wie ich mir die Hügelgräber vorstelle.
Also Fahrrad an einen Baum lehnen und rein in den Wald. Dann feststellen, dass es nur die Silhouette einer Baumwurzel ist.
Oder ein vertrockneter Busch, mit wilden Brombeeren überwachsen. Kein Grabhügel.
Aber der Wald ist schön, ziemlich naturbelassen mit viel Bruchholz und umgestürzten Bäumen und einem kleinen Bachlauf der in einem kleinen See mit Bänkchen zum Ausruhen davor mündet. Da suche ich gerne weiter…

Das Thema beginnt, mich zu beschäftigen.
Wie sehen solche Gräber nach 3000 Jahren wohl aus? Wahrscheinlich ziemlich überwachsen.
Ob man die überhaupt noch erkennt? Aber ich lese, dass überall entlang des Kölner Mauspfades solche Gräber zu finden sind.
Die Kölner Bucht von der Wahner Heide bis nach Leverkusen ist reich an Hügelgräbern.
Im Römisch-Germanischen Museum neben dem Kölner Dom sollen Inhalte der Gräber liegen.
„Meine Gräber“ sind also nichts besonderes. Überall werden sie erwähnt – aber nirgends konkret beschrieben.
Auch über einen „Dünnwalder Kulturpfad“ kann man online Informationen finden, unter duennwald.kirche-koeln.de/kirche las ich: „Unsere Tersteegenkirche gehört zusammen mit der benachbarten kath. Kirche St. Hermann-Joseph, dem Wildpark, Haus Haan, den Hügelgräbern und der Finnensiedlung zum Dünnwalder Kulturpfad.“

Aha! also muß man diesen Kulturpfad doch finden.
An einem Wochenende im Oktober fahre ich erneut nach Dünnwald und entdecke an der beschriebenen evangelischen Kirche tatsächlich ein Schild mit den Stationen des Kulturpfades. Ich bin aufgeregt. Jetzt habe ich den Beweis, dass es diese Hügeldinger gibt.
Leider ist der Plan nicht sehr exakt. Wieder zuhause, versuche ich, verschiedene Karten im Photoshop auf Ebenen übereinander zu legen und zur Deckung zu bringen. Trotzdem kann ich die genauen Lage der Hügelgräber nicht eindeutig bestimmen.

Meine nächste Tour beginne ich an der westlichsten Möglichkeit „Am Jungholz“ und will von dort aus systematisch jeden Weg im Wald erkunden.
Dort gibt es einen Wegweiser mit einer Karte des Waldes – aber ohne eingezeichnete Hügelgräber.
An einem Vereinslokal am Waldrand frage ich Jugendliche, diese fragen die Älteren – aber niemand hat je von „Hügelgräbern“ gehört.
Mittlerweile spreche ich auch Spaziergänger im Wald an und frage nach den legendären Hügelgräbern. Nada. Nix.
Den Dünnwalder Wald kenne ich nach diesen Exkursionen mittlerweile recht gut.
Die Kreuzung der großen Wege von Köln nach Leverkusen, den Bach, die dunklen Bereiche mit den dichten Tannen, die lichteren graden Reihen neu aufgeforsteten Mischwaldes, die Schutzhütten.
Der Wald gefällt mir – aber ich habe eine Aufgabe, befinde mich auf einer Quest, suche den heiligen Gral, meine Hügelgräber.

Und zwischendurch immer wieder Recherche am heimischen PC: bei „Google Books“ entdecke ich Scans eines Buches mit Hinweisen – aber die entscheidenden Seiten fehlen.
Amazon.de bietet das Buch antiquarisch an und 24 Euro und 3 Tage später halte ich das „Heimatbuch des Landkreises Mülheim am Rhein. Geschichte und Beschreibung, Sagen und Erzählungen.“
von Johann Bendel in der gebundene Ausgabe in Händen.
Sehr schöner Nachdruck in Fraktur – leider auch darin nur diffuse Angaben vom Leuchterbruch nördlich der Siedlung.
Und langsam fühle ich mich wie Howard Carter auf der Suche nach dem geheimnisvollen Grab der Pharaonen.
Nichts als Wüste, äh Wald, um mich herum…

Wieder mal im Wald – diesmal durchkämme ich den östlichen Teil von der „Hardt“ in Richtung Reinholdsberg.
Meine Frau weiß schon Bescheid, wenn ich Sonntags aufs Fahrrad klettere: „deine Hügelgräber“ und meine Kollegen und Freunde erkundigen sich sporadisch, ob ich „sie“ schon gefunden hätte…
Und ich sehe den Wald vor lauter Bäumen nicht.

Eine neue Idee: ich schreibe die Quellen an, die im Internet die Hügelgräber erwähnen.
Per E-Mail ist das ja heute kein Problem!
Bei 5 verschickten Mails erhalte ich eine Mail mit der Mitteilung, dass der Autor selber nur zitiert habe und auch nicht mehr weiß und einen echten Treffer!
Am 16. Oktober schreibt mir Erich Etien, der 2. Vorsitzende des „Dünnwalder Bürgervereins von 1899 e.V.“, dass er sich freut, von meinem Interesse an Dünnwalder Geschichte zu hören und dass er ein Buch mit genaueren Informationen besitzt:
„das Grabhügelfeld im Waldgebiet nördlich der Odenthaler Straße (s.S.211, Abb 1, Nr. 15) umfaßt strenggenommen zwei Bestattungsplätze, die durch ein seichtes Tälchen mit einem noch wasserführenden Bachlauf getrennt sind. Beide liegen etwa 200 m auseinander. (Abb.1). 301 Grabhügel sind insgesamt erhalten, darunter in der nördlichen Gruppe drei Langhügel, ähnlich denen in Dellbrück. Die meisten der Grabhügel sind klein mit Durchmessern zwischen 3 und 10 m, größere Bestattungsanlagen mit 25 bis 30 m Durchmesser liegen vereinzelt und unregelmäßig verstreut dazwischen.
Die Höhen schwanken zwischen 0,5 m und 2 m.“ (aus: Führer zu vor- und frühgeschichtlichen Denkmälern“ Köln, Band 39 von 1980).
Und Herr Etien lädt mich ein zum Bürgerforum in der Dünnwalder Von-Diergardt-Strasse, wo er mir das Buch zeigen will und mehr Informationen verspricht.

Am 2. November ist das nächste Treffen. Ich fahre hin und stehe um 18 Uhr gespannt vor dem Treffpunkt des Bürgervereins.
Ein freundlicher 2. Vorsitzender bittet mich herein, und neben 5 netten Frauen und Männern des Vereins und dem erwähnten Buch ist sogar ein Gast zugegen, dessen Eltern direkt am Waldrand am Reinholdsberg gewohnt haben und der als Junge selber im Wald herumgestrolcht ist und zwischen den Hügelgräbern gespielt hat.
Ich fasse es kaum: das ist der erste Mensch, der die mittlerweile legendären Gräber mit eigenen Augen gesehen hat und mir jetzt ganz konkret mit einem Kugelschreiber die Lage auf der kopierten Karte markiert.
Das „S“ für die Schutzhütte, der Bachlauf – dort war ich mittlerweile viele Male – warum habe ich die Grabhügel nicht gesehen?
Nachdem die freundlichen Vorstandsmitglieder erfolglos versucht haben, mich als neues Mitglied zu werben, bedanke ich mich und fahre freudig nach Hause. Schön, dass es so hilfsbereite Kölner gibt.
Nächstes Wochenende werde ich auf einem Hügelgrab stehen!

Dann 2 Wochenenden mit schlechtem Wetter, Regen, Matsch.
Kein Wetter für Radtouren.
Erst am 21.11. schaffe ich es wieder in den Wald.
Es ist schon ziemlich herbstlich geworden. Das bringt den Vorteil, dass das Laub von den Bäumen gefallen ist, mehr Licht in den Wald gelangt und die braunen Blätter den Boden betonen. Kein Grün verbirgt die bodennahen Formen.

Fotos: Wolfgang Kurtz, CC-BY-SA-3.0

Ich fahre mit dem Fahrrad direkt zu den auf der Karte markierten Punkten. Jeder Punkt ein Hügelgrab.
Und dann sehe ich mein Erstes. Bin erstaunt, wie flach es ist. Vielleicht einen halben Meter hoch.
Nur eine sanfte Erhebung mit einem Durchmesser von vielleicht 5 Metern. Aber kreisrund. Bäume wachsen daraus hervor. Haben die vorzeitlichen Baum-Recken durchstoßen. Und dann sehe ich noch eins – direkt dahinter. Und ein weiteres, mit einer Mulde am Rand. Da ist gegraben worden vor über hundert Jahren und dann ist wieder Moos über die Grabung gewachsen.
Ich bin fasziniert und wie beseelt von dem Fund. Nach Monaten der Suche habe ich diesen Ort endlich gefunden. Ich mache einige Fotos und sehe schon im Display der Kamera, dass man die sanften Hügel kaum sieht.
Das ist so schlicht und von der Zeit angeglichen, dass man es nur sieht wenn man es weiß. Wahrscheinlich laufen viele Spaziergänger im Dünnwalder Wald ahnungslos daran vorbei.
Und jetzt sehe ich immer mehr Hügelgräber, links und rechts des Weges, in sanften Wölbungen eins hinter dem anderen. Über 300 davon – das kann schon stimmen. Ich stehe auf einem mitten drauf und freue mich.
Die Aufgabe ist gelöst.

Auf dem Rückweg entdecke ich – jetzt sehenden Auges – dass die Odenthaler Strasse auf der Höhe der Einmündung Leuchterstraße sogar ein großes Hügelgrab mitten durchschneidet. Da wurde die Straße einfach durch das Hügelgrab gegraben.
Vielleicht schauen Sie auch mal genauer hin, wenn Sie in Köln-Dünnwald sind…

Ich bau Dir ein Schloß…

Ich bau Dir ein Schloß…

Die Hohenzollernbrücke in Köln ist die Eisenbahnbrücke.
Man erreicht sie mit wenigen Schritten vom Hauptbahnhof am Kölner Dom vorbei. Sie führt über den Rhein nach Köln-Deutz.
Die zentralen Bahngleise sind durch Gitter von eigenen Fußgängerspuren abgetrennt, über die Kölner und auch Touristen seit dem Wiederaufbau der Brücke im Jahre 1959 flanieren.

Im Spätsommer 2008 hörte ich davon, dass verliebte Paare damit begonnen hatten, an das Gitter zwischen Fußweg und Bahngleisen Vorhängeschlösser anzuschließen.
Als Symbol ihrer Liebe und Zusammengehörigkeit.


Fotos: Wolfgang Kurtz, CC-BY-SA-3.0

Die Schlösser enthielten meist eine Beschriftung oder Gravur der Vornamen oder Initialen der Partner, teilweise mit Datum.
Die Schlüssel zum Schloß wurden nach dem Anschließen über das Geländer in den Rhein geworfen.


Fotos: Wolfgang Kurtz, CC-BY-SA-3.0

Andere Paare machten es nach, Schlösser wurden mit den Namen der Liebenden beschriftet, mit Filzstift oder in Handarbeit graviert und es entstand ein buntes, glänzendes Sammelsurium von Schlössern.
Und die Schlösser entflammten die Neugier der Passanten: Erich liebt Erna, Sibel + Yüksel, und in Köln natürlich auch Martin mit Claus.
Und das Datum ist auch interessant: wie lange schon? wie frisch ist die Liebe?
Moderne Schlösser, stabile Schlösser, alte Schlösser, exotische Schlösser, witzige Schlösser: der Kreativität der Menschen sind auch hier keine Grenzen gesetzt.


Fotos: Wolfgang Kurtz, CC-BY-SA-3.0

Immer mehr Spaziergänger sahen die Versprechen ewiger Verbundenheit, so viele, dass die ersten Schlüsseldienste sich auf die Nachfrage einstellten und Schlösser fertig mit Gravur „für die Brücke“ anboten.

Anfang 2009 dann der Schock in der regionalen Presse:
Die Deutsche Bahn hatte angekündigt, die Schlösser zu entfernen, da die Verkehrssicherheit auf der Brücke gefährdet sei.
Wie erleichtert waren die lieben Liebenden, als die Bahn nach heftigen Protesten einlenkte: „Wenn natürlich Tonnen von Schlössern hängen, müssen wir vielleicht doch was tun, solange der Zaun aufrecht steht und die Schlösser weder auf die Gleise noch auf Spaziergänger oder Radfahrer fallen könnten“ würde aber nichts unternommen, räumte die Bahn ein.

Mittlerweile ist die südliche Seite der Hohenzollernbrücke schon ziemlich dicht (und das Phänomen pflanzt sich jetzt auf der nördliche Seite fort).
24 000 Schlösser zieren inzwischen das 400-Meter-Brückengitter. Die Kölner Musik-Gruppe „Höhner“ widmete ihnen sogar ein Lied („Schenk mir dein Herz“).


Fotos: Wolfgang Kurtz, CC-BY-SA-3.0

Ich habe auf meinen wochenendlichen „Foto-Walks“ einige besonders schöne Exemplare fotografiert.
Nehmen Sie die vergrößerbaren Fotos als Anreiz für Ihren nächsten Besuch in Köln, 5 Minuten vom Hauptbahnhof entfernt – oder als wärmende Aufhellung dieser trüben Herbstzeit.


Fotos: Wolfgang Kurtz, CC-BY-SA-3.0

Als es noch Menschen gab

Als es noch Menschen gab…

Abends saßen wir immer gemeinsam ums Feuer und erzählten Geschichten von früher.
Der alte Adams kratzte sich mit der Pfote hinter dem Kopf und erzählte von Sternen, die die Menschen geschaffen hatten und die um die Erde flogen.
Diese Sterne wussten immer, wo man war und halfen, den Weg in der Dunkelheit zu finden. Sie konnten aber auch bestrafen und Blitze auf die Erde schicken und sogar die Menschen töten, die an andere Götter glaubten und ihnen Feuer in ihre Höhlen lenken.

Die Jüngeren am Lagerfeuer begannen, ihr Fell nach Flöhen und Zecken abzusuchen – es waren sehr alte Geschichten, die schon viele Nächte erzählt worden waren.
Evana ängstigte sich besonders bei den alten Sagen, die sich mit den Computern beschäftigten.
Evana lauschte gebannt:

„Als den Menschen unsere Hilfe und Freundschaft nicht mehr reichte, bauten sie sich Maschinen. Maschinen, um Nahrung zu produzieren, Maschinen, die sie von einer großen Stadt in die andere trugen, Maschinen, die ihre Hauser bewachten und Maschinen, mit denen sie sich unterhalten konnten.
Diese Computer waren bald überall und steuerten und verwalteten das Leben der Menschen.

Doch der Mensch war dumm und hatte schon immer Kriege geführt. Blutige Kriege mit Schwertern und Pfeilen, grausame Kriege mit Panzern und Giftgas.

Und er begann, Kriege mit Computern zu führen.

Erst fantasierte die Menschheit nur von den Möglichkeiten, wie in dem Film „War Games“ (John Badham, 1983), der von einem jugendlichen Hacker handelt, der sich in die Kriegs-Rechenzentrale der Amerikaner einloggt und beinahe den 3. Weltkrieg heraufbeschwört. Nur weil der Computer erkennt, dass keine Seite überleben könnte, bleibt der atomare Schlag aus.

Doch wie so oft gerinnt Science Fiction zur Wirklichkeit.
Nach den jugendlichen Hackern kamen Kriminelle, die Computer für Erpressung benutzen, fremde Bankkonten plünderten und Menschen ihre Persönlichkeit stahlen.
Immer häufiger wurden auch in Deutschland Firmen von Mitbewerbern durch „Denial of Service“-Attacken (Überlasten eines Server durch massive Anfragen) angegriffen und waren tagelang offline.
Der Nationalstaat Estland war 2007 monatelang vom Internet abgeschnitten (und hatte zufällig zu der Zeit Stress mit Russland)…

Dann wurde StuxNet geschaffen.
Dieser „Wurm“, eine Software, die sich selber vermehrt und verbreitet, hatte mehr als 10.000 iranische Rechner übernommen. Anti-Viren-Experten haben diesen Wurm „stuxnet“ getauft und analysiert. Sie kamen zu dem Ergebnis, dass kein jugendlicher Hacker in der Lage gewesen wäre, diesen komplexen Schädling zu entwickeln. Mindestens 5 – 6 erfahrene Spezialisten hätten wohl 6 Monate daran gearbeitet und 4 sogenannte „Zero Day Exploits“ für Windows (Sicherheitslücken, die dem Hersteller Microsoft noch nicht bekannt waren) und 2 gefälschte digitale Signaturen verwendet.
Durch die bisher unbekannten und nicht geschlossenen Sicherheitslücken konnte per USB-Stick der Schädling in Windows-Rechner eindringen. Wegen der gültigen Zertifikate zweier taiwanesischer Hardware-Hersteller
wurde der stuxnet-Wurm auch von eventuellen Windows-Virenscannern nicht als gefährlich erkannt.
Der stuxnet-Wurm sucht gezielt nach Steuersoftware der Firma Siemens und kann fehlerhafte Befehle in Industrieanlagen auslösen. Zum Beispiel eine falsche Temperatur anzeigen – so dass notwendige Kühlung von Generatoren unterbleibt. Diese Steuersoftware wird zum Beispiel in iranischen Atomanlagen eingesetzt. Zum Beispiel im Kernkraftwerk Bushehr.

Die Entwicklungskosten für den Wurm liegen durch die teuer gehandelten Zero-Day-Exploits und die gestohlenen Zertifikate, sowie die aufwendige Programmierung in mehreren Schichten für mehrere Windows-Varianten (Windows 2000 bis Windows 7) in einem 7-stelligen Bereich. Also mehr als eine Million… Nichts für neugierige Teenager. Es bleiben nur Nationalstaaten übrig, die eine derart hochgezüchtete Cyber-Waffe entwickeln und auf den anzugreifenden Industrie-Anlagen testen können. Haben die Amerikaner diese Cyber-Waffe als Alternative zu einem bewaffneten Konflikt entwickelt oder schlägt hier der israelische Geheimdienst Mossad zu?

Heute wissen wir, dass die Elektrizitätswerke der Menschen und Atomkraftwerke weltweit empfindlich für diese digitale Kriegswaffen waren. Und auch ihre Krankenhäuser funktionierten nicht mehr, als sie bitter benötigt wurden.“

Das Feuer war heruntergebrannt. Viele der jungen Hunde waren eingeschlafen.
Evana fröstelte wie immer bei den alten Sagen einer vergangenen Menschheit.
Es gab keine Menschen mehr.
Sie legte die Pfoten über ihre Augen und träumte von wärmeren Dingen.

*****
(Diese Geschichte lehnt sich an eine Story von Clifford Simak, einem Pionier der Science Fiction, an – und ist entstanden aus der Beschäftigung mit der höchst aktuellen Entwicklung des stuxnet Wurms als Cyberwaffe zur elektronischen Kriegsführung. Wir benötigen dringend eine „Genfer Konvention“ für den elektronischen Krieg, Regeln für den Schutz von Personen, die nicht an den digitalen Kampfhandlungen teilnehmen.)

Bilderrätsel

Bilderrätsel

Auf die Perspektive kommt es an…

Bitte schauen Sie sich die nachfolgenden Bilder an.
Sie können mit einem Mausklick auf das Bild auch die Inhalte vergrößern.

Erkennen Sie, was hier dargestellt ist?

Fotos: Wolfgang Kurtz, CC-BY-SA-3.0

Fotos: Wolfgang Kurtz, CC-BY-SA-3.0

Auf den nächsten Bildern wird es immer klarer –

Fotos: Wolfgang Kurtz, CC-BY-SA-3.0

Lastschiffe auf dem Rhein aus einer ungewöhnlichen Perspektive fotografiert. Mit ein wenig Glück erwischt man fast abstrakte Motive.

Foto: Wolfgang Kurtz, CC-BY-SA-3.0

Von der Kölner Hohenzollern-Brücke (der Eisenbahnbrücke zwischen Hauptbahnhof und dem rechtsrheinischen Stadtteil Deutz) um die Mittagszeit, wenn die Sonne fast senkrecht steht, möglichst grade nach unten fotografiert.
Erkennbare Strukturen wie Ladung, Container oder Bewohner dieser Schiffs-Welten.
Bei uns auf dem Rhein sind es oft holländische Schiffe mit blankgeputzten Autos an Bord (obwohl Autos auf dem Wasser gar nicht fahren können 🙂

Foto: Wolfgang Kurtz, CC-BY-SA-3.0

Das Spannende bei diesen Motiven ist, die Position und Geschwindigkeit des Schiffes unter der Brücke richtig einzuschätzen bevor das Schiff unter der Brücke verschwindet, dann im Moment des Auftauchens unter der Brücke
an der richtigen Stelle auf der Brücke zu stehen (oder dort hin zu rennen) und möglichst schnell im möglichst verzerrungs-freien Winkel zu fotografieren.

Foto: Wolfgang Kurtz, CC-BY-SA-3.0

Das gelingt nicht immer, aber mit wachsender Erfahrung immer öfter. Gute Photos zeigen die Welt aus einer ungewohnten Perspektive…

Wayback-Machine

Take me back…

Im Internet gibt es mythische Orte.

So wie wir über Kindheitsfotos in alten Fotoalben staunen,
ein wohliger Schauer uns bei Funden auf dem Dachboden durchrieselt
oder wir uns in Museen über alte Schätze und Kunstwerke freuen, so gibt es mittlerweile auch digitale Schatzkisten im weltweiten Netz.

Die WayBackMachine ist ein gemeinnütziges Projekt, das seit 1996 Momentaufnahmen von Webseiten speichert und öffentlich zugänglich archiviert.

Jeder kann unter der Adresse archive.org eine beliebige Internet-Adresse (URL) eingeben – und sieht Schnappschüsse dieser WebSites aus den vergangenen Jahren.

So sind für die WebSite www.heuschrecke.com zum Beispiel 223 Zustände seit dem 04. Februar 1998 gespeichert –
12 Jahre alte Internet-Seiten, die uns eine kleine Zeitreise in die Anfänge deutschen Webdesigns machen lassen.
Und nicht nur die Texte sind für die Ewigkeit archiviert, wenn man ein wenig länger wartet, kommen auch die Bilder, Buttons und Hintergründe der Seiten.

Das wird auf Anforderung von den gigantischen Speichern des Archivs in San Francisco geholt, wo mittlerweile mehr als 150 Milliarden Seiten gesichert sind.
Unglaubliche Schätze oft längst versunkener Königreiche…

Versuchen Sie es doch mal mit Ihrer Internet-Adresse!

Eine Sammlung der ältesten Websites findet man unter: http://web.archive.org/collections/pioneers.html

Die WayBackMachine wird durchschnittlich täglich von 150.000 Nutzern besucht und wächst seit 1996 um monatlich geschätzte 100 Terabyte an.

Seit dem Sommer 2008 sind leider keine neuen Momentaufnahmen mehr dazugekommen – niemand weiß warum.
Mythen oder doch Mysterien des Internets…

Lichtverschmutzung

Lichtverschmutzung

Eins der beeindruckensten Erlebnisse meiner Kindheit war, in einer lauen Sommernacht auf der Wiese vor dem Haus meiner Eltern zu liegen und in den Sternenhimmel zu schauen.

Millionen und Milliarden von Lichtpunkten, von denen ich als begeisterter 14-jähriger Science-Fiction Leser wusste, dass es sich bei jedem „Stern“ um eine Sonne mit eigener Farbe, Größe und Alter handelte. Die Vorstellung, viele dieser Fixsterne könnten eigene Planetensysteme haben und auf einigen dieser Planeten sei vielleicht intelligentes Leben (im Gegensatz zur Erde) entstanden, war immer erhebend und brachte meine Phantasie auf Touren.

Der Anblick der funkelnden Sterne verband mich mit den alten Griechen, die viele der Sternbilder mit magischen Namen wie „Plejaden“ oder „Orion“ benannt hatten und den arabischen Völkern, von denen so schöne Sternen-Namen wie „Aldebaran“ oder „Algol“ stammten.
Wenn ich lange genug auf der duftenden Erde lag und in die Sterne schaute, hatte ich das Gefühl, ich könnte von der Oberfläche unseres Planeten in das Meer der Sterne fallen.
Der Blick ins All stellte auch die wahren Relationen klar: wie klein und nichtig unsere irdischen Sorgen waren.
Und wie überheblich wir Menschen uns ins Zentrum stellten.

Mit 19 Jahren reiste ich mit Freunden im VW-Bus durch Griechenland.
Auf dem Peloponnes konnten wir abends die griechischen Landschildkröten durch den Sumpf kriechen hören und nachts in den Schlafsäcken sahen wir eine Myriade funkelnder Sterne auf tiefschwarzer Ewigkeit und das Band der Milchstraße, unserer Galaxis. Ich konnte mich kaum sattsehen und schlief entrückt mit dem Blick auf die Sterne ein.
Nächsten Monat werde ich 53 Jahre alt (unglaublich…) und seit 30 Jahren habe ich keinen so beeindruckenden Sternenhimmel mehr gesehen. Ein Leben in der Großstadt Köln und Urlaube an Hollands Stränden verhinderten den
Blick auf die Sterne.
In unseren modernen Ballungsgebieten wird es nicht mehr dunkel genug um viele Sterne sehen können. Straßen werden beleuchtet, Autobahnen werden nachts erhellt. Das ist zwar gut für das Sicherheitsgefühl der Bürger – aber der Bezug der Menschen zum All geht verloren.
Das Problem nennt sich „Lichtverschmutzung“ und ist seit Jahren Thema unter Astronomen. Die größten Verursacher sind Großstädte und Industrieanlagen, aber auch angestrahlte Gebäude oder Scheinwerfer für Werbezwecke. The City never sleeps…
Hier ein Vergleichsbild zwischen dem Sternenhimmel auf dem Lande und in einer Stadt mit einer halben Million Einwohner (Autor: Jeremy Stanley) Bitte klicken:

Es wurden Karten erstellt, die zeigen, dass es in den Industrie-Nationen kaum noch dunkel wird.

Hier ein Link zu einer Licht-Karte Deutschlands http://www.ajoma.de/assets/images/Lichtverschutzung%20Deutschland.jpg

Beim Betrachten der Karten wird klar, dass in wenigen Jahren den Menschen in den Städten der Blick zu den Sternen verloren gehen wird. Wir schauen nicht mehr nach oben.
Kinder werden Begriffe wie „Milchstraße“ nur noch aus Erzählungen kennen…

Dabei gibt es einige Ansätze, die Situation zu verändern: es werden Straßenbeleuchtungen entwickelt, die das Licht nur nach unten abstrahlen. Beleuchtete Autobahnen werden in der Wirtschaftskrise eh als zu teuer abgeschafft und es gibt erste Projekte, dass Strassenlaternen sich nur bei Annäherung, quasi nur bei Bedarf, einschalten. Dann würde hinter uns nachts automatisch wieder das Licht ausgemacht.

Ich habe mir für diesen Sommer schon den Ort ausgeguckt, an dem es in meiner Nähe am Dunkelsten ist und mir vorgenommen, mit Schlafsack und Astronomie-Software auf meinem Smartphone dort hin zu fahren. Und mal wieder das leuchtende Band der Milchstraße zu sehen.

Dystopie

Ich lebe in einer Dystopie

Eine Dystopie ist laut Wikipedia die Geschichte einer Gesellschaft, die sich zum Negativen entwickelt hat.
Also ganz das Gegenteil der „schöner, schneller, weiter“ Utopien meiner Jugend.
Als ich 14 war, träumte ich davon, später lichtschnell durch Sonnensystem zu reisen oder zumindest mit fliegenden Autos über kühn geschwungene Rampen zu fahren wie in Fritz Langs Film „Metropolis“.

Real fahre ich jetzt morgens mit der S-Bahn S11 von Köln-Holweide nach Köln-Hansaring zur Arbeit.
Und das Bahn-Erlebnis wird von Jahr zu Jahr schlimmer.
Letzten Mittwoch hatte ich einen Arzttermin um 8 Uhr morgens.
Schon durch Erfahrung mit unpünktlichen Bahnen klug, nahm ich die Bahn um 7:40 Uhr, die mich in 20 Minuten zum Hansaring bringen sollte. Sollte.
Auf dem Gleis gegenüber stand ein Güterzug, weshalb meine Bahn S11 ausfiel. Dafür kam 10 Minuten später eine Bahn, die in keinem Fahrplan stand. „OK – besser als keine“, dachte ich und stieg ein. Diese Bahn fuhr allerdings sehr langsam und auf Umwegen nur bis Köln-Haupbahnhof – wo ich dann von Gleis 6 hinunterlaufen mußte und auf Gleis 11 wieder hinauf, um die verspätete nächste S11 zu erwischen.
Beim Arzt war ich 10 Minuten zu spät und hatte dadurch 12 andere Patienten vor mir und eine Wartezeit von einer Stunde. Bis ich dann zur Arbeit kam, war ich schon 3 Stunden mit den Auswirkungen einer immer schlechter funktionierenden Gesellschaft beschäftigt.
Dystopie.

Mein Vater war Beamter bei der „Deutschen Bundesbahn“ wie die Bahn AG früher hieß und es war selbstverständlich, dass die Züge pünktlich fuhren.
Wenn eine Verspätung eintrat, dann selten im regulären Ablauf, eher bei Fernverbindungen oder wenn ein Unfall passiert war. Mein Vater starb vor 9 Jahren und würde sich im Grabe herumdrehen, wenn er wüsste, dass heute Verspätungen an der Tagesordnung sind und unter 5 Minuten gar nicht mehr genannt werden.

Immer wieder erfrischend sind auch die Ausreden, die in der Bahn angesagt werden, wenn der Fahrplan durcheinanderkommt: „wegen eines Oberleitungsschadens“, „wegen Laub auf den Schienen“ oder „wegen einer defekten Aussenscheibe“ verzögert sich dann die Fahrt „um wenige Minuten“. Manchmal hege ich die Vermutung, dass jeder Zugführer ein kleines rotes Heftchen mit Ausreden bei sich trägt. Dabei könnte man die meisten Gründe durch mehr Mitarbeiter und dadurch bessere Wartung von Fahrzeugen und Anlagen in den Griff bekommen. Hätte man doch nicht so viele Mitarbeiter entlassen…

Ich fahre 40 mal im Monat dieselbe Strecke – und im letzten Monat lag die Zahl der verspäteten S-Bahnen bei 80 Prozent. So habe ich mir die Zukunft nicht vorgestellt.

Was kann ich mit meiner Enttäuschung und Wut tun?
Bei der Beschwerde-Hotline der Bahn anrufen? Ich habe gehört, die Telefon-Nummer sei kostenpflichtig. Hallo? Ich soll auch noch bezahlen, um mich beschweren zu können?
Als aufgeklärter Konsument kann ich ja das Produkt liegenlassen und von der Konkurrenz kaufen. Hallo? Die Bahn ist de fakto immer noch Monopolist – da fährt niemand anders meine Strecke.
Was taten die Matrosen des Panzerkreuzers Potemkin, als sie verschimmeltes Brot zu essen bekamen: zettelten die russische Revolution an. Was geschah in Berlin im Februar 1968 aus Protest gegen den Vietnamkrieg: der SDS veranstaltete einen Kongress und fortan gingen die Studenten auf die Barrikaden. Was geschah aus Protest gegen die Apartheid in Südafrika? Südafrikanische Agrar-Produkte wurden in den 1980ern boykottiert, was zu einem Umsatzrückgang von ca. 13 Prozent führte und mit half, den Untergang des Regimes zu beschleunigen.

Wie könnten wir der Bahn klarmachen, dass das so nicht läuft?
Was wäre ein angemessenes Zeichen? Dem Zugführer mit dem Finger drohen? Mit einem selbst gemalten Transparent am Kopfende des Zuges stehen? Das Gespräch mit den Leidensgenossen suchen? Würden andere frustrierte Reisende sich solidarisieren? Oder muss ich zum alten Spinner mutieren, der monoton vor sich hinbrabbelt: „früher war alles besser…“

Alle Ideen sind willkommen.

1 2